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Spiegelsplitterwahrheiten

Inhaltsverzeichnis Spiegelsplitterwahrheiten

 

Gesundheit heißt Selbstbegrenzung

Montag, den 12. Januar 2026

Inhaltsverzeichnis:

01 Gesundheit heute
02 Gesundheit gestern
03 Die gefährlichen Werkzeuge von heute
04 Verzicht setzt ein „Nicht-mehr-anders-Können“ voraus
05 Quellen

01 Gesundheit heute

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Heute wird Gesundheit als ein individueller Zustand des Gesundseins verstanden. Gesundheit, das ist, in der Wortbedeutung von heute, etwas, was man besitzen kann, wenn man gesund lebt, Rauchen, Alkohol, Fleisch und Fastfood meidet und sich zur Sicherheit auch noch durch eine Smartwatch rund um die Uhr überwachen lässt, die dazu in der Lage ist, sowohl die Körperfunktionen des normalen Alltags, als die Outdoor-Funktionen und natürlich auch die des Sports aufzuzeichnen.

Kurzum: Diese Uhr fordert den Träger bzw. die Trägerin dazu auf, die Anzahl von Schritten täglich zu gehen, 10.000 sollen es mindestens sein, ohne die Gesundheit in der Denkart von heute nichts anderes als eine Illusion sein kann.

Gesundheit das ist, in der Weltsicht von heute, etwas, für das der Einzelne selbst verantwortlich ist und dem zur Erreichung dieses Ziel – dem technischen Fortschritt entsprechend –natürlich auch eine Vielzahl von Produkten angeboten wird, die versprechen, einen nachhaltigen Beitrag zum Gesundwerden leisten zu können.

Smartwatches: Die Alpha-Pro ist folglich im hier zu erörternden Sachzusammenhang viel mehr als nur eine Smartwatch. Ob Schrittzähler, Herzfrequenz, Schlaftracking oder über 150 Sportmodi – die Alpha Pro liefert dir alle Daten auf einen Blick. Mit einer Akkulaufzeit von bis zu 7 Tagen, integrierter Sprachsteuerung und Notruffunktion ist sie immer zuverlässig an deiner Seite, selbst wenn dein Smartphone mal nicht griffbereit ist.

Sie soll beim Training motivieren, draußen im Gelände zuverlässig tracken und im Alltag eine gute Figur machen – ob beim Wandern, Laufen oder im Büro.

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Natürlich setzt ein Gesundwerden, wenn das der Fortschrittsideologie entsprechen soll, natürlich auch voraus, das Gesundheit etwas ist, das stets verbessert werden kann. Nahrungsergänzungsmittel, Vitaminpillen und andere Enhancer zur Leistungssteigerung sollen hier nur erwähnt werden.

Wie dem auch immer sei: Eine Gesellschaft, in der Gesundheit zum Konsumgut geworden ist, beschneidet nicht nur die Autonomie des Einzelnen auf unerträgliche Weise, sie nimmt ihm auch die Verantwortung für eine gute Lebensführung.

02 Gesundheit gestern

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Mit gestern ist nicht der Tag vor dem heute, sondern die Zeit vor unserer Zeit gemeint. Ivan Illich beschreibt in seinem Buch "Selbstbeherrschung. Eine politische Kritik der Technik", wie folgt, was gestern unter Gesundheit verstanden wurde.

Ivan Illich: Die Vorstellung von der Gesundheit der europäischen Moderne stellt einen Bruch mit der galenisch-hippokratischen Tradition dar, die dem Historiker wohl bekannt ist. „Gesund“ war für die griechischen Philosophen ein Begriff für die harmonische Mischung, die wohlgefügte Ordnung, das vernünftige Zusammenspiel der Urelemente. Gesund war, wer sich so, wie er eben zur Welt gekommen war, in die Harmonie des Weltalls einfügte. Gesundheit war für Plato eine somatische Tugend, so wie Tugend zur seelischen Gesundheit gehörte. Im „gesunden Menschenverstand“ hat sich die deutsche Sprache – trotz aller Kritik von Kant, Hamann, Hegel und Nietzsche – noch etwas von dieser kosmotrophen Qualifikation erhalten.

Seit dem 17. Jahrhundert hat dann der Versuch, die Natur zu beherrschen, das Ideal der Gesundheit in den Menschen, der damit schon kein Mikrokosmos mehr war, verlegt (Seite 167/168).

Gesundheit im oben skizzierten Sinne geht somit weit über das hinaus, was heute unter Gesundheit verstanden wird. Gesundheit, so auch andere Philosophien, umfassen ebenfalls weit mehr, als die bloße Bereitschaft, Gesundheit zu konsumieren, um sie dann zu besitzen.

  • Das buddhistische Gesundheitsverständnis sieht Gesundheit als einen ganzheitlichen Zustand von Körper und Geist, eng verbunden mit innerem Frieden, Achtsamkeit und Mitgefühl, wobei Krankheiten als Ausdruck von Unwissenheit und Anhaftung verstanden werden.

  • Im Islam ist Gesundheit ein von Gott anvertrautes Gut (amana), für das der Mensch verantwortlich ist.

  • Im Christentum wird Gesundheit als Gottes Gabe und Verantwortung gesehen, wobei der Körper als Tempel Gottes gilt.

  • Das Gesundheitsverständnis im Hinduismus ist ebenfalls ganzheitlich und verbindet Körper, Geist und Seele mit dem sozialen und spirituellen Umfeld.

Wenn diese Sätze mit der Wirklichkeit von heute verglichen werden, dann ist die Wirklichkeit von heute entweder tatsächlich ein Fortschritt, oder ein Verlust, der nur dann wieder erträglich gemacht werden kann, wenn Gesundheit wieder mit überlieferter Menschheitsweisheit in Einklang gebracht würde, was aber unmöglich erscheint, es sei denn, dass Verzicht wieder in Mode kommt.

Das würde auch dem Denken des deutschen Philosophen Arnold Gehlen (1904 bis 1976) entsprechen, für den der Mensch als ein Mängelwesen ist.

Zur Wiederbelegung der Ordnung des Lebens im oben skizzierten Sinne engagierte sich bereits vor 50 Jahren Ivan Illich (1926 bis 2002), einer der wichtigsten Kultur- und Zivilisationskritikern unserer Zeit. Nur wenige haben bis heute auf ihn gehört.

03 Die gefährlichen Werkzeuge von heute

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Hinsichtlich des Gebrauchs von Werkzeugen, die für die Menschheit gefährlich geworden sind und die, um dem Fortschrittsgedanken entsprechen zu können, stets verbessert und damit immer mehr Energie benötigen, heißt es:

Ivan Illich: Um Werkzeuge richtig einschätzen zu können, müssen wir von der Illusion Abschied nehmen, dass nur eine Kultur, in der so hohe Energiemengen wie nur möglich verbraucht werden, als Hochkultur bezeichnet werden können (Seite 48).

Die sich daraus ergebende Umweltkrise, die ohne diesen Prozess, den wir Fortschritt nennen, gar nicht hätte herbeigeführt werden können, lässt sich nur durch Einsicht in das geführte falsche Leben beseitigen, um einen Satz von Theodor W. Adorno (1903 bis 1969) zu verwenden, der gesagt hat: Es gibt kein richtiges Leben im Falschen.

Ivan Illich: Die Umweltkrise wird nur zu überwinden sein, wenn wir alle einsehen, dass wir glücklicher wären, wenn wir zusammen wirken und uns umeinander kümmern würden. Eine solche Verkehrung des geläufigen Weltbildes erfordert intellektuellen Mut [...], denn das Weltbild von heute setzt uns dem Vorwurf aus, nicht nur menschenfeindlich, sondern auch fortschrittsfreundlich zu sein (Seite 80).

Dem ist zuzustimmen, denn freiwillig lässt sich solch eine Umkehr wohl kaum realisieren, so wohl auch die Sicht von Ivan Illich.

Ivan Illich: Der Entzug von der Wachstumssucht wird schmerzlich sein, besonders für die Angehörigen der Generation, die den Umbruch erleben wird und vor allem für diejenigen, die vom Konsum besonders abhängig sind (Seite 127).

Während heute das Wachstum und die damit verbundene Aufforderung zum Konsum der erzeugten Produkte an Grenzen stoßen, muss deshalb heute ein neues Konsumbedürfnis entwickelt werden, um weiterhin Wachstum generieren, Arbeitsplätze erhalten und die Zukunft sichern zu können. Das neue Konsumgut heißt: Panzer, Drohnen, Waffen und Raketen.

Ivan Illich: Ein Werkzeug kann sich so entwickeln, dass es vom Menschen nicht mehr zu beherrschen ist; erst wird es zu dessen Herrn und Meister, schließlich zu dessen Henker (Seite 128).

Dort, wo die Kriegswirtschaft zum eigentlichen Motor einer Industriegesellschaft wird, ist deren Ende absehbar. Ein kurzer Blick in ein gutes Geschichtsbuch wird jeden schnell davon überzeugen, dass es die Kriegswirtschaft war, die Hitlerdeutschland dazu bewog, einen Weltkrieg zu führen.

Und weil dieses Gestern sich im Heute zu wiederholen scheint, gilt heute um so mehr die Aufforderung von Ivan Illich zur politischen Umkehr, die zur verweigern existenzgefährdend werden könnte.

Ivan Illich: Wenn es der Menschheit nicht in allernächster Zeit gelingt, die Umweltschäden, die ihre Werkzeuge verursachen zu begrenzen und eine wirksame Geburtenkontrolle zu praktizieren, werden die künftigen Generationen die von vielen Ökologen prophezeite Apokalypse erleben (Seite 149).

Solche Gedanken lassen sich leichter denken und aufschreiben, als sie in konkretes Handeln und in nachhaltig wirkende Verhaltensänderungen zu übertragen, zumal die destruktive Konsumenten von heute, zumindest die in den Industriestaaten, numerisch in der Mehrheit sind, denn der so genannte „American Way of Life“ kennt die Worte Beschränkung und Verzicht gar nicht.

04 Verzicht setzt ein „Nicht-mehr-anders-Können“ voraus

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Ein starker Raucher, dem nach einem überlebten Herzinfarkt von seinem Arzt gesagt wird, dass er mit dem Rauchen aufhören muss, wenn er noch ein paar Jahre leben möchte, befindet sich in einer Situation, in der ihm bewusst wird, dass ein Weiterleben ohne Verzicht bald böse für ihn enden wird, wenn er nicht dazu bereit ist, seinen Lebensstil grundlegend zu verändern.

Das wird den Gewohnheitskonsumenten von heute aber wohl erst dann möglich sein, wenn die Angst vor der Zukunft für jedermann erkennbar geworden is, und dieser jedermann einsieht, dass Verzicht die wohl einzig verbleibende Überlebensstrategie sein wird, eine Gesellschaft weiterhin lebensfähig erhalten zu können. Und dass diese Einsicht kommen wird, davon ging Ivan Illich bereits vor 50 Jahren aus.

Ivan Illich: Von einem Tag zum anderen werden, die Menschen nicht nur ihren Glauben an die wichtigsten Institutionen verlieren, sondern auch ihren Glauben an die von Möchtgegern-Krisenmanagern verordneten Wunderkuren. [...]. Mit einem Mal könnte vielen klar werden, was heute nur wenige erkennen, nämlich dass die Ausrichtung der gesamten Ökonomie auf das „bessere“ Leben das gute Leben unmöglich gemacht hat (Seite 153).

An anderer Stelle heißt es:

Ivan Illich: Das weitere Wachstum muss notgedrungen in einer multiplen Katastrophe enden. Es ist aber höchst unwahrscheinlich, dass die Leute ohne Katastrophe vielfältige Wachstumsgrenzen akzeptieren werden (Seite 156).

Resignierend stellt Ivan Illich zum Schluss seines wirklich lesenswerten Buches fest, dass es uns am Mut zur Veränderung fehlt. Gemeint ist der Mut, zur "Ordnung des Lebens" zurückzukehren.

Anders ausgedrückt: Der Mut zur Gesundheit, oder: zurück zum menschlichen Maß, oder: gemeinsamer Gebrauch des gesunden Menschenverstandes.

Nicht gemeint ist der Mut zu einer politischen Wende, von der heute so viel geredet wird, der es aber auch an der notwendigen Veränderungsbereitschaft hin zur Gesundheit, also der naturgegebenen Ordnung fehlen würde, denn dazu bedürfte es einer Revolution.

Ivan Illich: Wir haben kein Wort mehr für mutigen, disziplinierten, selbstkritischen und in Gemeinschaft vollzogenen Verzicht (Seite 169).

Das einzige Wort von heute, das zählt, heißt: mehr.

05 Quellen

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Endnote_01
Zitiert nach: https://elektronikcheck24.de/smartwatches-maenner?
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