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Spiegelsplitterwahrheiten

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Es gibt kein Weiter so

Wir leben im Zeitalter der Unvernunft

Warum?
Wir sind nicht dazu in der Lage, friedlich zusammenzuleben.
Weshalb?
Wir leben im Zeitalter der Unfähigkeit zur Angst.
Was lässt sich daraus ableiten?
Der Mensch ist kleiner als er selbst.

Zum letzten Satz ein paar Anmerkungen:

Der Mensch ist kleiner als er selbst“ ist ein zentrales Diktum des Philosophen Günther Anders aus seinem 1956 erschienenen Hauptwerk „Die Antiquiertheit des Menschen“. Es beschreibt unser moralisches Unvermögen: Der Mensch ist dazu in der Lage, eine Technik zu erschaffen, die er weder emotional begreifen, noch verantworten kann.

Günther Anders: So also ist die Situation. So beängstigend. Aber wo ist unsere Angst? Ich finde keine. Noch nicht einmal eine Angst mittlerer Größe kann ich finden. Nicht nicht einmal eine, wie sie etwa bei der Gefahr einer Grippe-Epidemie aufträte. Sondern eben überhaup keine. Wie ist das möglich?

Günther Anders: Die Antiquiertheit des Menschen. Band 1. Seite 264

Diese Zeilen wurden erstmalig 1956 publiziert. Sie haben bis heute nichts von ihrer Aktualität eingebüßt. Im Gegenteil.

Im Mai 2026 hat auch Papst Leo XIV. in seiner Enzyklika „MAGNIFICA HUMANITAS“ über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der künstlichen Intelligenz, zur menschheitsbedrohenden Gefahr der künstlichen Intelligenz deutliche Worte gefunden:

99: Sogenannte Künstliche Intelligenzen machen keine Erfahrungen, besitzen keinen Leib, empfinden weder Freude noch Schmerz, reifen nicht in Beziehungen, wissen nicht von ihrem Inneren her, was Liebe, Arbeit, Freundschaft und Verantwortung bedeutet. Sie haben auch kein moralisches Gewissen: Sie unterscheiden nicht zwischen Gut und Böse, sie erkennen nicht den eigentlichen Sinn von Situationen und sie nehmen die Last der Konsequenzen nicht auf sich. Sie können Sprache, Verhalten und Beurteilungen imitieren, sie können Empathie oder Verständnis simulieren, aber sie verstehen nicht, was sie damit bewirken, denn sie bewegen sich nicht in jenem affektiven, relationalen und geistigen Horizont, in dem der Mensch zur Weisheit gelangt. Auch wenn diese Werkzeuge als „lernfähig“ dargestellt werden, unterscheidet sich ihre Art des Lernens von der einer menschlichen Person. Es handelt sich nicht um die Erfahrung eines Menschen, der sich vom Leben formen lässt und im Laufe der Zeit durch Entscheidungen, Fehler, Vergebung und Treue wächst; vielmehr ist es eine statistische Anpassung auf der Grundlage von Daten und Rückmeldungen, die zwar sehr effektiv sein kann, aber kein inneres Wachstum impliziert.

113: Wenn daher die Intelligenz verabsolutiert wird, geraten andere wesentliche Dimensionen des Lebens in den Hintergrund: die Gefühle, der Wille, die Hingabe und die Beziehung. Wenn technische Macht nicht ausgeglichen wird, macht sie uns nicht fähiger, sondern einsamer und anfälliger für eine Logik der Herrschaft und der Ausgrenzung. Es geht gewiss nicht darum, sich der Intelligenz zu widersetzen, sondern daran zu erinnern, dass sie, wenn sie sich auf sich selbst zurückzieht, vergisst, dass sie dazu bestimmt ist, dem Leben und dem Menschen zu dienen.

DES HEILIGEN VATERS
LEO XIV.
ÜBER DIE BEWAHRUNG DES MENSCHEN
IM ZEITALTER DER KÜNSTLICHEN INTELLIGENZ

Diese Worte sind schon längst überfällig gewesen, denn das, was in den letzten 100 Jahren die Technik aus dem Menschen gemacht hat, das lässt sich nur schwerlich begreifen und erst recht kaum noch korrigieren. Das, was Technik heute ausmacht, das kann durchaus als eine Zukunftsvorstellung beschrieben werden, wie sie bereits 1909 Filippo Tommaso Marinetti (1876 - 1944) in seinem „Manifest des Futurismus“ vorausgesagt hat.

In diesem Manifest heißt es wie folgt:

8: Wir stehen auf dem äußersten Vorgebirge der Jahrhunderte! ... Weshalb sollten wir zurückblicken, wenn wir die geheimnisvollen Tore des Unmöglichen aufbrechen wollen? Zeit und Raum sind gestern gestorben. Wir leben bereits im Absoluten, haben wir doch die ewige, allgegenwärtige Geschwindigkeit längst erschaffen.

9: Wir wollen den Krieg verherrlichen – diese einzige Hygiene der Welt – den Militarismus, den Patriotismus, die Vernichtungstat der Anarchisten, die schönen Ideen, für die man stirbt, und die Verachtung der Frau.

Über das anstehende Zeitalter der Technik wurde aber nicht nur in Italien, sondern nach dem Ende des Ersten Weltkrieges auch im deutschsprachigen Raum nachgedacht. Dort entstand ebenfalls eine Bewegung, in der Technik als dominierender Teil der Zukunftsgestaltung angesehen wurde. Heinrich Hardensett (1899-1947), der Begründer der Technokratiebewegung, entwickelte daraus sogar eine „Philosophie der Technik“. Die von ihm gegründete Technokratiebewegung setzte sich länderübergreifend für die Nutzung von mehr Technologie und wissenschaftlichen Verfahren ein. Er war der Meinung, dass Staaten nicht von Politikern, sondern mehr und mehr von Technokraten und Experten regiert werden sollten, denn nur so könnte der Wohlstand verbessert werden. Seine 1932 veröffentlichte Dissertation, „Der kapitalistische und der technische Mensch“, kann auch heute noch als die „wohl weitestgehendste und fundierteste Theorie zur sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Standortbestimmung des technischen Menschen“ angesehen werden.

Unter Verweis auf Arthur Schopenhauer (1788 - 1860) ging Hardensett davon aus, dass das Wunderbare im Menschen darin zu sehen sei, dass dieser den Willen der Natur in sich selbst erkennt. Noch wunderbarer erschien es Schopenhauer aber, dass der Mensch es verstanden habe, diesen Willen zu bändigen und für sich nutzbar zu machen. Technik ist somit, auch nach der Sichtweise von Hardensett, als ein göttlicher Auftrag zur Fortsetzung und Vollendung des göttlichen Schöpfungswerkes zu verstehen.

Anders ausgedrückt: Hardensett war davon überzeugt, dass die Technik als ein Feind des natürlichen Lebens anzusehen sei.

Hardensett: Die technische Welt kann als eine Fortbildung der Natur oder als zweite Natur empfunden werden. Sie kann aber auch als Feind der Natur, als widernatürlich verstanden werden. Alle Technik muss in die Natur eingreifen, ihres eigenen Sinnes wegen und nicht aus einem Vernichtungsdrang heraus. Sie greift demgemäß von sich aus nur so weit ein, als ihr dies das Gesetz erlaubt.

Heinrich Hardensett: Der kapitalistische und der technische Mensch. Metropolis-Verlag 2016 - Seite 47 und 50

Während der kapitalistische Mensch, der sich der Technik bedient, Profite machen will, der den Ertrag seines Aufwands übersteigt, kommt es dem technischen Menschen eher auf die Beschleunigung, Schnelligkeit und Intensivierung der Produktion von Sachwerten an. „Er produziert“, so Hardensett, Sachwerte und nicht Geisteswerte, er schafft in weitester Bedeutung „Gerät“ und nicht „Sprache“. Den Wesenskern seiner Philosophie der Technik beschreibt Hardensett wie folgt:

Hardensett: Der technische Mensch muss demnach die vollkommene Maschine anstreben, er nähert sich asymptotisch einer idealen Endlösung, er strebt nach Vollendung. Der technische Mensch sieht mindestens in der naturalen Seite seines Schaffens eine exakte, angebbare Grenze. Aber auch die Möglichkeit neuer Lösungsideen ist nicht unbegrenzt, auch hier nähert man sich immer mehr der idealtypischen Lösung und damit der Grenze, zumindest aber liegt dem technisch erfinderischen und konstruktiven Schaffen die Idee der vollkommenen Lösung zugrunde. Und die Idee ist entscheidend für die seelische Analyse [des technischen Menschen].

Ebd. Hardensett, Seiten 97 und 113

Mit anderen Worten: Wenn das Ziel erreicht ist, und die Maschine mehr kann, als der Mensch jemals zu leisten in der Lage ist, dann ist das Ziel des liberalen Fortschrittsglaubens erreicht. Dem Menschen ist es dann gelungen, sich überflüssig zu machen.

Alle Macht den Maschinen.

Zu hoffen bleibt, dass dieser Albtraum niemals Wirklichkeit werden wird.

Liberalismus so verstanden, mündet somit in Unfreiheit. Anders ausgedrückt: Was am Anfang unter Freiheit verstanden wurde, wird, wenn der Höhepunkt der Freiheit erreicht ist, sich in Unfreiheit umkehren.

Davor sollten wir wirklich Angst haben.

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