|
Rodorf.de Spiegelsplitterwahrheiten
Inhaltsverzeichnis
Spiegelsplitterwahrheiten Autoritätsverlust Montag, den 16. März 2026 Was ist Autorität? Katia Genel, eine renommierte deutsch-französische Philosophin und Professorin an der Université Paris Nanterre, die sich auf deutsche Philosophie, Sozialphilosophie und kritische Theorie spezialisiert hat, definiert Autorität wie folgt: Die Autorität ist die Präsenz der Gesellschaft im Individuum. Danach wird Autorität nicht nur extern ausgeübt, sondern auch verinnerlicht, und dadurch Teil der eigenen Identität, indem man sie anerkennt. Das bedeutet, dass soziale Normen, Regeln und Erwartungen Teil des individuellen Denkens und Handelns sind und sich im politisches Handeln gewählter Autoritäten sozusagen darin auszudrücken versuchen. Von außen kommende Autorität muss in einer Gesellschaft von den Personen, die als Autoritäten anerkannt werden wollen deshalb nicht nur artikuliert, sondern auch angewendet werden, um einen dauerhaften gesellschaftlichen Zusammenhang gewährleisten zu können. Pierre Rosanvallon: Autorität, definiert als „Führung“ im Gramsci´schen Sinne, ist eine richtungsweisende moralische Kraft - im Unterschied zu einer Macht, die [lediglich] über Zwangsmittel verfügt. Autorität schafft Gemeinsamkeit durch ihre Fähigkeit, von allen anerkannt zu werden. Sie steht über den Wechselfällen des politischen Alltags, über Meinungsverschiedenheiten und über sozialen Konflikten. Ihre Anerkennung besitzt eine konstitutive einigende Wirkung. Eine Autorität trägt auch dazu bei, dass jede Person leichter eine gewisse Sorge um das Gemeinwohl verinnerlicht. Das Vertrauen [an eine Autorität] verringert die Distanz und erweitert zugleich die soziale Welt. [...]. Pierre Rosanvallon: Unsichtbare Institutionen. Verlag des Hamburger Institut für Sozialforschung 2025 - Seite 11 und 12 Autorität lässt sich folglich als ein Vertrauen in andere definieren, das darin zum Ausdruck kommt, dass diese Anderen die ihnen zugesprochene Autorität nicht missbrauchen, sondern das ihnen übertragene Vertrauen ausschließlich im Interesse der Allgemeinheit - unter Einbeziehung der Individualinteressen - zur Anwendung kommen lassen. Anders ausgedrückt: Das Vertrauen, dass in einem Gemeinwesen einer Autorität entgegengebracht wird, setzt von vornherein eine größere Distanz zwischen dem Individuum und der Autorität voraus, denn beide müssen sich ja nicht zwangsläufig kennen, was in den Demokratien von heute sowieso nur selten der Fall ist. Wer kennt schon den Bundeskanzler persönlich? Autorität in diesem Sinne ist somit sozusagen als eine Ausweitung der Autorität auf kognitiver Ebene zu verstehen, weil sich das Individuum mit seinen Werten, Hoffnungen und Erwartungen sich weitgehend mit der Autorität identifizieren kann, weil diese Autorität seinen Vorstellungen weitgehend entgegenkommt. Dies ist das Urvertrauen, das Autoritäten entgegengebracht wird, weil es erlebt werden kann, wenn Autoritäten handeln. Eine solche Autorität lässt sich aber bedauerlicherweise in keiner westlichen Demokratie finden. Im Gegenteil. Personen, die dort als Autoritäten bezeichnet werden, mögen zwar persönlich und charakterlich integer sein, ihnen fehlt es aber an der Zustimmung der Gemeinschaft, denn die hat sich im Laufe der Zeit in eine Vielzahl unterschiedlicher Interessengruppen aufgespalten, die miteinander im Wettstreit stehen und nach Macht und Einfluss gieren, angefangen beim Wettbewerb der Parteien um Macht bis hin zum Karrieredenken am Arbeitsplatz oder anderswo. Dass solch eine erlebbare Wirklichkeit den Keim des Verfalls bereits dann enthält, wenn die Gemeinschaft – oder was auch immer die namenlosen Individuen, die in einer Demokratie zusammenleben ausmacht – erkennt, dass der von ihnen gewählten Führungselite nicht mehr vertraut werden kann, dann ist es um die Autorität im oben skizzierten Sinne von heute geschehen, denn in den meisten westlichen Demokratien hat die gewählte Führungselite dieses Vertrauen bereits verloren. Als Beispiele dafür seinen nur vier Länder genannt:
Der damit verbundene Verlust an wahrer Autorität wiegt schwer, denn in einer Gesellschaft, in der es üblich wird, gewählte Volksvertreter zu verhöhnen, sie als Lügenkanzler oder als Calligua-Präsident zu bezeichnen, ihnen sozusagen Unvermögen und Dummheit zu attestieren, verliert das Wort Autorität nicht nur Substanz, sondern ihren eigentlichen Bedeutungsinhalt. Solch eine Gesellschaft befindet sich in einem Zustand der Auflösung, die nur noch durch eine autoritäre Macht – zumindest vorübergehend – funktionsfähig gehalten werden kann. Solch eine Macht neigt dann aber dazu, sich selbst vor dem Volk zu schützen, indem Gesetze geschaffen werden, die Freiheiten beschränken und in der eine Polizei militarisiert wird, um auf mögliche Aufstände vorbereitet zu sein. Wie dem auch immer sei: Autoritätsverlust ist eine Gefahr für den Bestand einer jeden Gesellschaft, da unterscheidet sich eine Demokratie nicht von einer Diktatur. Die Frage, die sich deshalb im Deutschland von heute stellt, lautet: Ist es möglich, tatsächlich eine Gesellschaft zu schaffen, in der Menschen gerecht behandelt werden? Zumindest eignet sich diese Frage dazu, über den Sinn und den Zweck einer Gesellschaft zuerst einmal überhaupt nachdenken zu wollen. Das aber wird ohne gegenseitigen Respekt nicht möglich sein. Diesbezüglich ist dem südkoreanisch-deutschen Philosophen und Kulturwissenschaftler Byung-Chul Han zuzustimmen, wenn er schreibt: Byung-Chul Han: Die wohlgeordnete Gesellschaft ist keine Leistungs-, sondern eine Respektgesellschaft. An anderer Stelle heißt es, Bezug nehmend auf den amerikanischen Philosophen John Rawls und dessen Buch „Die Theorie der Gerechtigkeit“, wie folgt:
Die
wohlgeordnete Gesellschaft setzt die „gegenseitige Achtung des Menschen“
(men´s respect for one another) voraus, die sich als wechselseitige
Anerkennung äußert. Es ist eine „Pflicht“, „einem Menschen die Achtung
entgegenzubringen, die ihm als einem moralischen Subjekt zusteht, d. h.
als einem Wesen mit einem Gerechtigkeitssinn und einer Vorstellung vom
Guten". Wie dem auch immer sei: Bekanntermaßen lassen sich Ideale nur selten verwirklichen. Dennoch: Die Verfassungswirklichkeit von heute lässt erkennen, dass autoritäre Macht dazu gebraucht wird, Gesetze zu schaffen, die nicht mehr dem Geist des Grundgesetzes entsprechen. Das muss geändert werden. Inhaltsverzeichnis Spiegelsplitterwahrheiten
|