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Spiegelsplitterwahrheiten Die Tugend des Maßhaltens
Gesunder
Menschenverstand in ungewöhnlichem Maße ist das, was die Welt Weisheit
nennt. Wirklich weise Menschen sind selten anzutreffen. Deshalb sollte es für Realpolitiker ausreichen, die Tugend des Maßhaltens zumindest zu kennen. Die Wirklichkeit aber belegt, dass dieses Wissen weitgehend verloren gegangen zu sein scheint, denn die Tugend des Maßhaltens will so recht gar nicht in unsere Zeit passen. In marktorientierten Demokratien wird die Tugend des Maßhaltens deshalb auch gar nicht erst diskutiert, denn die Aufforderung zum Verzicht und zur Einschränkung wäre ja nichts anderes, als das öffentlichen Einfordern einer Rezession. Aus diesem Grund ist das Wort „Maßhalten“ auch in keinem Partei- bzw. Wahlprogramm zu finden, nicht einmal im Parteiprogramm der Partei Die Grünen/Bündnis 90. In einer Welt des Wirtschaftswachstums, das ohne Überproduktionen, egal in welchem Bereich, gar nicht existieren kann, wirkt die Tugend des Maßhaltens sozusagen wie eine Aufforderung zur gewaltsamen Systemveränderung, »denn die Tugend des Maßes« würde, so Josef Pieper, voraussetzen, »dass jene zerstörerische und seinswidrige Auflehnung der Sinne gegen den Geist der Maßlosigkeit so lange funktionieren, bis die Zukunftsfalle zuschnappt. Anders ausgedrückt: Die Tugend des Maßhaltens muss in freien marktwirtschaftlichen Systemen unbedingt verhindert werden, weil Verzicht nur Rückschritt und nur Wachstum »Fortschritt« bedeuten kann. An anderer Stelle heißt es bei Josef Pieper in seiner kurzen Abhandlung »Über das christliche Menschenbild« sinngemäß, dass im Gemeinbewusstsein der Christenheit die Tugend des Maßhaltens eine herausragende Stellung einnahm. Josef Pieper: So wurde die am meisten private Tugend [die des Maßhaltens] für die am meisten christliche gehalten. Und genauso sieht das auch der Liberalismus, soweit es sich um öffentliches Maßhalten handelt, denn im öffentlichen Leben würde, in Anlehnung an Josef Pieper, die Tugend des Maßes [...] als etwas Sinnloses, als etwas Widersinniges und Gegenstandsloses erscheinen. Josef Pieper. Über das christliche Menschenbild. Johannes-Verlag - 2018. Seite 47 und 49 Im Wirtschaftssystem von heute ist für Maßhalten wirklich kein Platz. Dort wird Maßhalten zum Rückschritt, so dass in wachstumsorientierten Gesellschaften das Wort des Maßhaltens besser durch das Wort »Wegwerfgesellschaft« zu ersetzen wäre. Zurück zur christlich-abendländischen Tugend des Maßhaltens. Wie keine andere ergibt sich aus dieser Tugend eine bewahrende Haltung gegenüber der Natur bzw. der Schöpfung. Und dass gerade diese Tugend, vom Zeitpunkt ihrer Formulierung bis heute, die Menschen meist überfordert hat, liegt, und das wussten sogar die Denker in der Antike als auch die im Mittelalter schon, an den widerstreitenden Kräften im menschlichen Wesen. Auf der einen Seite die Kräfte der Selbstbewahrung, der Selbstbehauptung und der Selbsterfüllung und auf der anderen Seite die Kräfte, die zur Selbstzerstörung der sittlichen Person führen, wenn sie es verlernt haben, Maß zu halten. Und was für Individuen gilt, das gilt auch für Gesellschaften. Maßlose Gesellschaften müssen und werden scheitern. Die Bewohner der Osterinsel fällten den letzten Baum, um ihre Steinbilder aufstellen zu können. Sie erkannten nicht, dass es für sie besser gewesen wäre, bei der Rodung ihrer Wälder Maß zu halten. Und auch andere Gesellschaften zerstörten sich selbst, indem sie ihren Lebensraum auf eine Art und Weise zuerstörten, die ein Überleben dort unmöglich machten. Wie dem auch immer sei: Nicht umsonst, und das kann in jedem ernstzunehmenden Buch, das sich mit der »Natur menschlichen Verhaltens« auseinandersetzt, nachgelesen werden, befindet sich der landläufig verwendete Begriff der »Mäßigung« in einer fatalen Nachbarschaft zu der Sprachfigur der »Angst vor jeglichem Überschwang« und den damit verbundenen negativen Folgen. Ein jeder weiß, was der Spruch »Alles mit Maß«, nicht nur im alltäglichen Gerede bedeutet. Im politischen Alltagsgeschehen von heute hat die Aufforderung zur »klugen Mäßigung« dennoch kaum mehr als ein hilfloses Schulterzucken bei denen zur Folge, die das nicht wollen können, denn eine »marktkonformen Demokratie«, so auch Bundeskanzlerin Angela Merkel am 1. September 2011 anlässlich einer Pressekonferenz in Berlin, setzt voraus, dass marktkonforme Politik gemacht wird. Angela Merkel: Insofern werden wir Wege finden, die parlamentarische Mitbestimmung so zu gestalten, dass sie trotzdem auch marktkonform ist, also dass sich auf den Märkten die entsprechenden Signale ergeben. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Im Gegenteil: Durch Schulden in einem bisher nicht gekannten Ausmaß soll die Wirtschaft wieder auf Wachstumskurs gebracht werden. Wer daran glaubt, dass dies auf Dauer gelingen wird, der muss über eine Glaubensfähigkeit verfügen, die weit über den Glauben an das katholische Glaubensbekenntnis hinausgeht, das mit den folgenden Worten beginnt: Ich glaube an Gott, den allmächtigen Vater, den Schöpfer des Himmels und der Erde und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, ...... Der neue Glaube lässt sich wie folgt zusammenfassen: Ich glaube an die Nachhaltigkeit industrieller Produktion und an ein grenzenloses Wachstum. Mit anderen Worten: Eine Wirtschaftsordnung, die in Zukunft auf Kohle, Erdöl und Gas, also auf die fossilen Energieträger gänzlich wird verzichten müssen, wird nicht nur radikal anders sein, sondern auch radikal sein müssen, hier zu verstehen im Sinne von: Fundamental, grundlegend, rigoros und unnachgiebig anders. Aber auch die Nutzung natürlicher Energiequellen wie Sonne, Wind und Wasser, vermögen die bestehende Wirtschaftsordnung auf Dauer nicht erhalten können, denn der Energiehunger wird zunehmen. Anders ausgedrückt: Das Wort »Systemveränderung« dürfte wahrscheinlich im hier zu erörternden Sachzusammenhang gesehen nur unzureichend das zum Ausdruck bringen, was tatsächlich an Veränderungen im Wirtschaftssystem Deutschlands notwendig sein wird, denn das, was uns bevorsteht, das wird zuerst einmal die digitale industrielle Revolution von morgen sein, die wohl mehr als doppeltsoviel Energie verbrauchen wird, als die Technik von heute und somit Probleme schaffen wird, von denen wir heute noch nicht einmal ahnen, was das für die Erdenbewohner tatsächlich bedeuten wird. Sonne, Wind und Wasser allein wird das sicherlich überfordern. Wie dem auch immer sei: Es bedarf keiner prophetischen Fähigkeiten, die digitale industrielle Revolution nicht nur als eine Wende, eine Umwälzung und eine Neuordnung, sondern vielmehr als einen Umbruch, einen Umsturz zu begreifen, der alles, was bisher über Demokratie gedacht wurde, wohl obsolet machen wird. Solch ein gigantische Erneuerung wird nicht nur die Menschen, sondern höchstwahrscheinlich auch die Politik überfordern. Zumal Investitionen in einer Größenordnung erforderlich sein werden, die aus Steuermitteln nicht mehr finanziert werden können. Insoweit wird es unverzichtbar sein, private Kapitalgeber an diesem Umbau zu beteiligen. Und das wiederum bedeutet, dass Privaten noch mehr Macht zukommen wird, als das heute schon bei den Multimilliardären der Fall ist. Wie dem auch immer sei: Eine Gesellschaft, die in den zurückliegenden Jahren an nichts anderes als an wirtschaftliches Wachstum und technischen Fortschritt gedacht hat, für solch eine Gesellschaft hat sich das Wort Maßhalten, das ja einen Verzicht einfordert, sozusagen zu einem „Gaunerwort“ entwickelt. Hand aufs Herz: Wissen Sie noch, wer E. F. Schumacher war? Zur Erinnerung: Bereits 1973 hatte E. F. Schumacher für bestehende Wirtschaftssystem eine tiefgreifende Erneuerung eingefordert, um die seiner Überzeugung nach fehlende »Weisheit« wieder in das Wirtschaftssystem integrieren zu können. Darunter verstand er eine Neuorientierung sowohl von Naturwissenschaft als auch von Technik hin in Richtung auf das Organische, das Sanfte, das Gewaltfreie, das Rücksichtsvolle, kurzum: eine Rückbesinnung auf das Schöne unter Einbeziehung der besonderen Wertschätzung der Natur. E. F. Schumacher: Small is beautiful: Die Rückkehr zum menschlichen Maß – 1973 Übrigens: Dieser Titel bringt das auf den Punkt, was mit der „Tugend des Maßhaltens“ gemeint ist. Inhaltsverzeichnis Spiegelsplitterwahrheiten
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