Rodorf.de
Polizeiliches Grundlagenwissen für Studium und Praxis 

Home Inhaltsverzeichnis : Umgang mit der Demokratie

Unsere Demokratie – was soll das sein?

Mittwoch, den 15. April 2026

Wir müssen unsere Demokratie verteidigen, dieses inhaltlich von vielen für unverzichtbar gehaltene Meme treibt Hunderttausende auf die Straße, wenn entsprechende Netzwerke dazu aufrufen, dass die Demokratie in Gefahr ist. Die auf diese Art und Weise auf die Straße produzierten Gefühle und Überzeugungen sagen aber nichts darüber aus, was eine Demokratie ist.

Anders ausgedrückt: Unsere Demokratie das ist eine Illusion, die alles und auch nichts sein kann.

Deshalb ist es erforderlich, sich bei der Suche nach Antworten zuerst einmal an einigen Fakten zu orientieren, ohne die eine Demokratie gar nicht erklärt werden kann. Dazu gehört die Erkenntnis, dass es sich bei einer Demokratie zuerst einmal um eine Staatsform handelt die somit einen existierenden Staat voraussetzt.

Was aber ist ein Staat? Üblicherweise wird ein Staat als ein abgegrenztes geografisches Gebiet (Staatsgebiet) bezeichnet, in dem ein Staatsvolk unter einer souveränen Herrschaftsmacht (Staatsgewalt) zusammenlebt. Die vom Staat zur Ausübung von Herrschaftsmacht benötigten Institutionen regeln in solch einem Staat das Zusammenleben durch Gesetze, schützt die Freiheit seiner Bürger und sorgen für Sicherheit und Infrastruktur. Ein Staat ist zudem unabhängig von anderen Mächten.

Darüber hinausgehend wird ein Staat im Allgemeinen – zumindest ist das in den westlichen Demokratien so – als eine Institution sozialer Dienstleistungen betrachtet. Manche Theoretiker verehren den Staat sogar als einen Inbegriff der Gesellschaft; andere sehen ihn als eine wohlwollende, wenn auch oft ineffiziente Organisation an.

Wie dem auch immer sei: Der nützliche kollektive Begriff „wir“, der sich ja aus dem Wort „unser“ zwangsläufig ergibt, hat es im Zusammenhang mit der Sprachfigur „unsere Demokratie“ ermöglicht, die Realität des politischen Lebens ideologisch aufzublähen und inhaltlich zu verschleiern, denn wenn „wir die Regierung sind, die die Demokratie verteidigt“, dann muss auch alles, was andersdenkende sich vorstellen, als ein Angriff auf die Demokratie verstanden werden. Und auch wenn die Regierung eine enorme Staatsverschuldung angehäuft hat, die durch die Besteuerung einer Gruppe zum Wohle einer anderen beglichen werden muss, wird diese Last in einer „unserer Demokratie“ dadurch verschleiert, indem man sagt: „Wir schulden es uns selbst.“ Wenn die Regierung jemanden zum Wehrdienst einzieht oder ihn wegen abweichender Meinung ins Gefängnis wirft, dann ist das erstens notwendig und zweitens „tut er es sich selbst an“, und daher ist nichts Unrechtes geschehen. Wer das anders sieht, der gehört nicht zu uns.

Spätestens an dieser Stelle dürfte auch dem überzeugtesten Vertreter des Memes „unsere Demokratie“ deutlich werden, dass weder ein Staat und auch nicht die von ihm gewählte Staatsform ein „Wir“ sein kann, ganz einfach deshalb nicht, weil ein Staat weder eine Menschheitsfamilie noch eine Großfamilie ist, in der von einem Zusammengehörigkeitsgefühl und von einer gegenseitig sich verpflichtet fühlenden Gemeinschaft ausgegangen werden kann, denn die Solidarität in den Demokratien von heute hört meist dort auf, wo eigene Besitzstände durch andere beeinträchtigt werden.

Wenn der Staat also nicht „wir“ ist, wenn er nicht die Menschheitsfamilie ist, die sich zusammenfindet, um gemeinsame Probleme zu lösen, wenn er kein Vereinstreffen und auch keine Großdemonstration ist, auch wenn sie Hunderttausende protestierende kurzfristig vereint, wer oder was ist ein Staat in der Staatsform der Demokratie dann?

Kurz gesagt: Der Staat ist eine gesellschaftliche Organisation, die versucht, das Gewaltmonopol in einem bestimmten Gebiet aufrechtzuerhalten. Darüber hinausgehend ist ein Staat die einzige gesellschaftliche Organisation, die ihre Einnahmen nicht durch freiwillige Beiträge oder Bezahlung erbrachter Leistungen, sondern durch Zwang erzielt.

Wer Steuern hinterzieht, der begeht auch in Deutschland eine Straftat.

Der Staat ist, in den Worten Oppenheimers, die „Organisation der politischen Mittel“; er ist die Systematisierung des räuberischen Prozesses über ein bestimmtes Gebiet.

Der Satz „Der Staat ist die Organisation der politischen Mittel“ stammt von dem deutschen Soziologen und Ökonomen Franz Oppenheimer (1864 – 1943). Er prägte diese Definition in seinem Hauptwerk „Der Staat“.

Kurzum: Für Oppenheimer ist der Staat in seiner Entstehung und seinem Wesen nach eine soziale Einrichtung, die von einer siegreichen Menschengruppe einer besiegten Menschengruppe (man bezeichnet diese Mehrheit auch als Untertanen) aufgezwungen wird.

Murray Newton Rothbard (1926 – 1995) ein US-amerikanischer Ökonom und politischer Philosoph definierte den Staat wie folgt:

Murray Rothbard: Der Staat bietet einen legalen, geordneten und systematischen Kanal für die Aneignung von Privateigentum; er sichert, gewährleistet relativ „friedlich“ die Lebensader der parasitären Kaste in der Gesellschaft. Da Produktion der Ausbeutung stets vorausgehen muss, ist der freie Markt dem Staat vorausgehend. Der Staat ist niemals durch einen „Gesellschaftsvertrag“ entstanden; er ist stets aus Eroberung und Ausbeutung geboren.

Rothbard, Murray. Anatomy of the State (English Edition). Rare Treasure Editions. Kindle-Version.

Hinweis: Den von Murray Rothbard verwendeten Begriff des „freien Marktes“ verstand dieser US-amerikanische Ökonom nicht wie Adam Smith (1723 – 1790) auf den diese Sprachfigur zurückgeht, sondern wie folgt:

Murray Rothbard: [Der freie Mark ist]: Ein zusammenfassender Begriff für eine Reihe von Austauschvorgängen, die in der Gesellschaft stattfinden. Jeder Austausch erfolgt als freiwillige Vereinbarung zwischen zwei Personen oder zwischen Personengruppen, die durch Agenten vertreten werden.

An anderer Stelle heißt es:

Murray Rothbard: Sobald ein Staat etabliert ist, besteht das Problem der herrschenden Gruppe oder „Kaste“ darin, ihre Herrschaft zu erhalten. Gewalt ist zwar ihr Mittel zum Zweck, doch ihr grundlegendes und langfristiges Problem ist ideologischer Natur.

Für diese grundlegende Akzeptanz muss die Mehrheit ideologisch davon überzeugt werden, dass ihre Regierung gut, weise und zumindest unvermeidlich ist und mit Sicherheit besser als alle anderen denkbaren Alternativen. Die Verbreitung dieser Ideologie unter der Bevölkerung ist die zentrale gesellschaftliche Aufgabe der Intellektuellen. Denn die breite Masse der Menschen entwickelt ihre Ideen nicht selbst und denkt diese auch nicht selbstständig durch; sie folgt passiv den Ideen, die von den Intellektuellen übernommen und verbreitet werden. Die Intellektuellen sind daher die Meinungsbildner der Gesellschaft. Und da der Staat gerade diese Meinungsbildung am dringendsten benötigt, wird die Grundlage für das uralte Bündnis zwischen Staat und Intellektuellen deutlich.

Rothbard, Murray. Anatomy of the State (English Edition). Rare Treasure Editions. Kindle-Version.

Exakt an dieser Stelle nimmt das Meme „unsere Demokratie“ sozusagen seinen Anfang, unterstützt durch Medien, die die wünschenswerten Argumentationsketten zur Etablierung „unserer Demokratie“ wie folgt unters Volk bringen:

  • Die Staatsherrscher sind große und weise Männer, auf jeden Fall aber weitaus wissender kompetenter und natürlich auch weiser als die zwar guten, aber eher einfachen Untertanen.

  • Herrschaft ist nicht nur unvermeidlich, sondern absolut notwendig und weit besser als das unbeschreibliche Übel, das nach ihrem Zusammenbruch des bestehenden Systems eintreten würde.

  • Wer vom Common Sense abweicht, ist nicht nur ein Gegner, sondern ein Feind der Demokratie.

  • Auch in säkularen Demokratien scheint es erneut üblich zu werden, die Verbindung von Religion und Staat wieder als ein Mittel der Verbreitung gewünschter Botschaften in Anspruch zu nehmen. In der US-Demokratie von heute, hat der US-Präsident Donald Trump am 12. April 2026 auf seinem Truth-Media-Kanal zum Beispiel ein Bild veröffentlicht, das ihn als Jesus darstellte, der gerade einen Toten ins Leben zurückholt.

    Link zum Jesusbild des Präsidenten

In einer funktionierenden Demokratie würde solch ein Präsident, der nicht nur sich und seinen Willen und seine Form von Gerechtigkeit kennt, seines Amtes enthoben, einer Forderung, die in den USA immer seit dem Beginn des Iran-Krieges im Februar 2026 immer eindringlicher formuliert wird.

Am 13. April 2026 heißt es in einer Meldung auf Spiegel.de, den Ex-CIA-Ches John Brennan zitierend, wie folgt:

Spiegel.de 13.4.2026: John Brennan »Eindeutig geisteskrank« – Ex-CIA-Chef spricht sich für Amtsenthebung von Trump aus. »Dieser Mann ist eindeutig geisteskrank«, sagte Brennan in Bezug auf Trump dem US-Mediendienst »MS Now«. Der 25. Verfassungszusatz sei demnach für Trump geschrieben worden. Brennan begründete seine Forderung mit den Äußerungen Trumps im Krieg gegen Iran. Der US-Präsident hatte unter anderem mit der »Auslöschung der iranischen Zivilisation« gedroht.

Brennan, der unter Ex-Präsident Barack Obama die CIA leitete, fügte hinzu, Trump sei ein zu großes Risiko, als dass man ihn weiterhin als Oberbefehlshaber der Streitkräfte einsetzen könne. Trump dürfe demnach nicht länger über das US-Atomwaffenarsenal bestimmen.

Mit der Forderung ist der ehemalige CIA-Direktor nicht allein. Auch mehrere US-Demokraten drängen auf die Anwendung des 25. Verfassungszusatzes.

Link zur Quelle

Wie dem auch immer sei: Aber auch losgelöst von den Gefahren, die von einem für das Amt eines Präsidenten ungeeigneten Amtsinhabers ausgehen, ist jede Demokratie auch anderen Gefahren ausgesetzt.

Murray Rothbard: Die größte Gefahr für den Staat ist unabhängige intellektuelle Kritik; es gibt kein besseres Mittel, diese Kritik zu unterdrücken, als jede einzelne Stimme, jeden, der neue Zweifel äußert, als gotteslästerlichen Verletzer der Weisheit seiner Vorfahren anzugreifen.

Es ist außerdem wichtig, dass der Staat seinen Bürgern eine Abneigung gegen jegliche „Verschwörungstheorien der Geschichte“ einimpft; denn die Suche nach „Verschwörungen“ bedeutet die Suche nach Motiven und die Zuweisung von Verantwortung für historische Verbrechen.

Eine „Verschwörungstheorie“ kann das System destabilisieren, indem sie in der Öffentlichkeit Zweifel an der ideologischen Propaganda des Staates sät.

Rothbard, Murray. Anatomy of the State (English Edition). Rare Treasure Editions. Kindle-Version.

Und was das größte Risiko für die Regierung ist, das drückt Murray Rothbard wie folgt aus:

Murray Rothbard: Das größte Risiko [für die Regierung] besteht in der weit verbreiteten Unzufriedenheit und Empörung in der Bevölkerung sowie im Verlust der moralischen Autorität der Regierung als solcher, wie lange sie auch durch Gewalt oder Untätigkeit oder das Fehlen einer attraktiven und unmittelbar verfügbaren Alternative gestützt werden mag.

Was der Staat vor allem fürchtet, ist natürlich jede fundamentale Bedrohung seiner Macht und Existenz.

Rothbard, Murray. Anatomy of the State (English Edition). Rare Treasure Editions. Kindle-Version.

Schlusssätze: Es ist bisher noch keiner Staatsform gelungen, den Moloch Staat dauerhaft in Schach zu halten, denn jeder Staat neigt dazu, seine Macht auszuweiten, um sich selbst erhalten zu können. Der Argumentation von Max Weber folgend liegt das daran, dass die Verwaltung, ohne die ein Staat gar nicht handeln kann, nicht primär „Rechtsanwendung“, sondern „rationale Pflege von Interessen“ betreibt. In einem Satz bringt Max Weber (1864 - 1920) die Macht der Verwaltung wie folgt auf den Punkt:

Max Weber: „Bürokratie“ ist die moderne Herrschaftsform in Verwaltung und Wirtschaft.

Google-KI: Der von Max Weber systematisch entwickelte Begriff der Bürokratie und Bürokratisierung bezeichnet ein zentrales Strukturprinzip moderner Gesellschaften. Unter Bürokratie ist sowohl eine Schicht von Beamten im Rahmen einer Instanzenhierarchie als auch die von dieser Gruppe ausgeübte Macht bzw. Herrschaft zu verstehen.

In der Demokratie im Deutschland von heute ist es der sogenannten Zivilgesellschaft, vertreten durch eine schier unüberschaubare Anzahl von NGOs gelungen, einen Großteil der demokratischem Macht sogar zu privatisieren.

Wie dem auch immer sei: Das Problem des Staates wird es trotz aller politischen Ränkespiele nicht gelingen, die Krisen der Zeit im Sinne des Allgemeinwohls zu lösen. Das würde einen Politikwechsel voraussetzen, der wohl ein Wunschtraum bleiben wird. Vielleicht müssen dennoch neue Wege der Forschung beschritten werden, um einen Staat Wirklichkeit werden zu lassen, der sich nur dem Allgemeinwohl verpflichtet fühlt.

Allein das Meme: Wir müssen unsere Demokratie verteidigen, wird deshalb den Verfall einer Demokratie nicht verhindern können, wenn sich die Demokratie als Staatsform sich notwendigen Veränderungen verweigert.

Fehler, Verbesserungsvorschläge und Fragen richten Sie bitte an:

info@rodorf.de

--------------------------------------------------------------

Die Pflege und der Unterhalt dieser Webseite sind mit Kosten
verbunden. Aus diesem Grunde können die anderen Kurse, die das polizeiliche Grundlagenwissen betreffen, nicht unentgeltlich zur Verfügung gestellt werden.

Polizeiliches Grundlagenwissen
Printausgaben und E-Books
www.polizeikurse.de