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Home Inhaltsverzeichnis : Umgang mit der Demokratie

Deutschland - ein Parteienstaat

Inhaltsverzeichnis:

01 Demokratischer Anarchronismus
02 Die Parteiendemokratie von heute
03 Eine direkte Demokratie will die Elite nicht
04 Die Fanatiker „UnsererDemokratie“
05 Die Demokratie des Grundgesetzes
06 Hass hat die politische Auseinandersetzung ersetzt
07 Diffamierung statt Wahrheitssuche und Wertschätzung
08 Wohin treibt die Bundesrepublik?
09 Wovon schon Meister Floh träumte
10 Quellen

01 Demokratischer Anarchronismus

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Kurz vor seinem Attentat auf Adolf Hitler beschrieb Claus Philipp Maria Schenk Graf von Stauffenberg (1907 bis zum 20. Juli 1944) die neu aufzubauende Ordnung wie folgt:

Wir wollen eine neue Ordnung, die alle Deutschen zu Trägern des Staates macht und ihnen Recht und Gerechtigkeit verbürgt.

Irgendwie hat sich diese Forderung in Reden verloren, die höchstens noch an Gedenktagen gehalten werden.

Wie dem auch immer sei: Willemer Friedmann beschreibt in seinem Buch mit dem Titel: „Vom Scheitern der repräsentativen Demokratie: eine demokratische Tragödie“ die Dekadenz der Demokratie des Grundgesetzes wie folgt:

Willemer Friedmann: Das Grundgesetz hat dem deutschen Volk eine Demokratie zugestanden, die in der politischen Wirklichkeit nahezu vollständig abhandengekommen ist. Die Parteien, nur mit einem belanglosen Satz im Grundgesetz erwähnt, haben sich der Staatsgewalt bemächtigt. Diese Parteienherrschaft besteht nicht nur über Parlament und Regierung, sondern reicht hinein in Verwaltung, Rechtsprechung und öffentlich-rechtliche Medien, wobei die Entscheidungen nicht von den Mitgliedern der Parteien getroffen werden, sondern von den Führungseliten. An die Stelle des Alleinherrschers sind die Führungseliten der Parteien getreten bzw. in der Regel deren Anführer.

Dennoch: Das Wort Demokratie löst auch heute immer noch Assoziationen aus, die an die Herrschaft des Volkes erinnern, obwohl diese Vorstellungen schon längst „aus der Zeit gefallen sind“, denn bei der Demokratie von heute handelt es sich um Anachronismus. Davon auszugehen, dass die Herrschaft des Volkes tatsächlich durch das Volk ausgeübt wird, das ist eine Vorstellung, die es zumindest in der deutschen Nachkriegsdemokratie bisher noch nicht gegeben hat, weil die direkte Beteiligung des Volkes an ihrer eigenen Zukunft nicht gewollt war und wohl auch in Zukunft nicht gewollt sein wird, obwohl sich diesbezügliche Stimmen mehren.

Über Gestaltungsmöglichkeiten verfügen die Wählerinnen und Wählr nach dem Willen der „Mütter und Väter des Grundgesetzes“ nur am Wahltag. Was danach kommt, das ist Angelegenheit der Parteien, denn die wirken nicht nur, wie es im Artikel 21 des Grundgesetzes heißt, an der politischen Willensbildung des Volkes mit. Nein: Parteien bestimmen in der Demokratie des Grundgesetzes die Politik.

Art 21 Abs. 1 GG

(1) Die Parteien wirken bei der politischen Willensbildung des Volkes mit. Ihre Gründung ist frei. Ihre innere Ordnung muß demokratischen Grundsätzen entsprechen. Sie müssen über die Herkunft und Verwendung ihrer Mittel sowie über ihr Vermögen öffentlich Rechenschaft geben.

Durch die Übertragung politischer Macht an Parteien soll nicht zum Ausdruck gebracht werden, dass das, was der Hitlerdiktatur folgte, nicht eine wesentliche Verbesserung gewesen ist, was wohl niemand ernstlich behaupten kann bzw. behaupten wird. Es war ein Fortschritt.

Dennoch: In seinem Buch „Eine kurze Geschichte des Fortschritts“ prägt Ronald Wright den Begriff der „Fortschrittsfalle“, einer Sprachfigur, die auch auf die Entwicklung in einer Demokratie angewendet werden kann.

Paul Kingsnorth: Eine Fortschrittsfalle, sagt Wright, ist ein vorübergehender sozialer oder technologischer Schritt vorwärts, der sich langfristig als Rückschritt erweist, und wenn und falls wir uns dessen bewusst werden, wird es bereits zu spät für einen Kurswechsel sein. Dies ist die Fortschrittsfalle. Jede Verbesserung unseres Wissens oder unserer Technologie schafft neue Probleme, die dann wiederum neue Verbesserungen benötigen. Jede dieser Verbesserungen neigt dazu, die Gesellschaft zu vergrößern, sie komplexer und weniger menschlich zu machen und sie dazu anzutreiben, immer mehr nichtmenschliches Leben zu zerstören, bis sie mit immer größerer Wahrscheinlichkeit unter ihrem eigenen Gewicht zusammenbrechen wird. Wenn Sie in Zeiten wie diesen nicht verzweifeln, dann leben Sie nicht wirklich. Doch es muss noch etwas jenseits der Verzweifelung geben – oder vielmehr etwas, das mit dieser Verzweiflung einhergeht, wie ein Begleiter [En01].

Das ist die Hoffnung, dass eine aus der Zeit gefallene Demokratie wieder zu dem wird, was ihren Kern ausmacht, zu einem Gemeinwesen, das sich Abgeordnete wählt, die – so will es ja das Grundgesetz – nur ihrem Gewissen und dem Allgemeinwohl verpflichtet sind.

Art 38 Abs. 1 GG

(1) Die Abgeordneten des Deutschen Bundestages werden in allgemeiner, unmittelbarer, freier, gleicher und geheimer Wahl gewählt. Sie sind Vertreter des ganzen Volkes, an Aufträge und Weisungen nicht gebunden und nur ihrem Gewissen unterworfen.

Die Wirklichkeit von heute sieht aber ganz anders aus. Aus der Demokratie des Volkes ist eine Parteiendemokratie geworden, und aus den „an Aufträgen und Weisungen nicht gebundenen Abgeordneten“ sind Parteisoldaten geworden, die nur das tun, was ihnen aufgetragen wird, von wenigen Ausnahmen einmal abgesehen, die dann von den Machinhabern sozusagen als Sternstunden der Demokratie gefeiert werden, obwohl es nur Sternschnuppen sein können, denn sie leuchten nur kurz auf, um dann wieder vergessen zu werden.

02 Die Parteiendemokratie von heute

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Wer Politik brtreibt, strebt Macht an. Und: Die Macht ist böse, sie verdirbt den Menschen und beraubt ihn seiner Vernunft.

Wer nach der Wahrheit dieser beiden Sätze suchen will, wird schnell fündig werden, nicht nur in Russland und in den USA, auch in den Demokratien Westeuropas können solche Tendenzen einfach nicht mehr übrsehen werden.

Die parlamentarische Demokratie muss daran scheitern, denn Menschen sind so, wie sie sind, es sei denn, dass es demokratischen Gemeinwesen gelingt, sich so zu reorganisieren, dass das Volk tatsächlich der Träger der Staatsgewalt wird und sich deren gewählte Vertreter sich wieder zur alleinige Quelle staatlicher Legitimation entwickeln, was die Zustimmung des Volkes durch Abstimmungen zumindest im Hinblick auf existenziellen Zukunftsentscheidungen mit einschließen muss:

Beispiele erforderlicher Volksbefragungen:

  • Energiewende

  • Kriegstüchtigkeit

  • Migration

  • Ungleichheit.

Da eine direkte Beteiligung des Volkes nicht in einem Parlament ausgeübt werden kann, sieht zumindest das Konzept einer direkten Demokratie die Möglichkeit vor, das Volk durch Volksentscheide mit in die Gesetzgebung einzubeziehen, was auch das Recht impliziert, Gesetze aufzuheben, die dem Volk nicht gefallen, bzw. Gesetze einzufordern, die einer Regelung bedürfen.

Wie dem auch immer sei: Nur dann ist die in Artikel 20 Abs. 2 S. 1 Grundgesetz anerkannte Volkssouveränität verwirklicht.

Die Volkssouveränität, das „Menschenrecht der Völker" ist bis auf wenige Ausnahmen, bis heute weitgehend unvollendet geblieben, denn der eigentliche demokratische Souverän ist nach dem Wahlakt nichts anderes als ein Zuschauer, zumal es nicht das Volk ist, das an die Verfassung gebunden ist, sondern diese Rolle der Regierung übertragen wird.

Ingeborg Maus: Souverünität bedeutet auch in der Konnotation der „Volkssouveränität“ eine legibus-solutus Position, die die Aufklärungsphilosophie in der Forderung permanenter Verfassungsrevision durch das „Volk“ artikuliert und in der Formel erläutert, dass in dieser Hinsicht nur die Regierung, nicht aber das Volk an die Verfassung gebunden sei [En02]..

Eine Legibus-solutus-Position bedeutet, dass es dem Volk sogar freigestellt sein muss, ein Zusammenleben zu organisieren, dass sogar bestehendes Verfassungsrecht ändern, aufheben oder durch ein anderes Verfassungsrecht ersetzt kann.

Diese legibus-solutus Position, die aus der historischen Betrachtungsweise den Fürsten und den Kaiser über das Gesetz stellte, sollte in Anlehnung an Ingeborg Maus dem Volk zustehen, dem Inhaber der uneingeschränkten Macht.

Anders ausgedrückt: Was dem Volk gefällt und was von ihm angestrebt und gewollt wird, das hat Gesetzeskraft.

Volkssouveränität ist also a priori das Naturrecht der Völker, so wie die Freiheit das Naturrecht des Menschen ist.

Willemer Friedmann: Volkssouveränität ist ein lebender Organismus, der in einem permanenten gesellschaftlichen Prozess Veränderungen und damit verbundene Probleme aufnimmt und zu einer gemeinsamen Lösung führt. Den unter Umständen fehlenden Sachverstand des Volkes haben Legislative und Exekutive auszugleichen und die Entscheidung des Volkes in einem umfassenden Diskurs vorzubereiten.

Die Vertreter der Parteien und ihre Gefolgsleute [Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier eingeschlossen], sprechen dem deutschen Volk sogar die Fähigkeit ab, die notwendigen Entscheidungen treffen zu können. Darüber hinaus könne das deutsche Volk von Demagogen verführt werden. Damit unterstellen sie dem deutschen Volk, es sei unfähig zu sachbezogenem, von Vernunft geleitetem Handeln. Diese Unterstellung steht in krassem Widerspruch zur Wirklichkeit [En03].

03 Eine direkte Demokratie will die Elite nicht

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Das war schon bei der Diskussion im Parlamentarischen Rat so, als über die Staatsform des neu zu gründenden Staates in Bonn diskutiert wurde, und daran hat sich bis heute im Wesentlichen nichts geändert. Im Parlamentarischen Rat wurde von Theodor Heuss, dem ersten Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland, mahnend darauf hingewiesen, dass dem Volk so viel Verantwortung nicht übertragen werden könne, weil es sich ja mehrheitlich für die Hitlerdiktatur entschieden habe, wissend, dass es nicht das Wahlvolk, sondern der unfähige Reichstag gewesen ist, der Hitler zum Kanzler gekürt hatte.

Nur zur Erinnerung: Zumindest die letzten freien Reichtsatswahlen vor der Machtergreifung durch Adolf Hitler, die am 6. November 1932 durchgeführt wurden, lassen deutlich erkennen, dass die NSDAP mit erzielten 33,1 Stimmen wohl die stärkste Partei war, sich aber über 50 Prozent der Wählerinnen und Wähler für andere Parteien entschieden hatten. Diesen Parteien fehlte es aber an der Bereitschaft, sich zu einer Mehrhgeitskoalition zusammenzufinden. Bei den Wahlen vom 5. März 1933 befand sich Adolf Hitler bereits im Amt des Reichskanzlers, gewählt von den Abgeordneten im Deutschen Reichstag.

Wie dem auch immer sein: Die Zeiten ändern sich. Sogar Jürgen Habermas spricht sich heute für eine deliberative Demokratie aus und verkündet, dass Politik durch öffentliche Diskussion und Argumentation besser und fairer werden würde, nicht nur durch Wahlen und Mehrheiten. Vielmehr komme es auf den Zwang des besseren Arguments an, um zu Konsens und Gemeinwohl zu finden. Das Ziel sei es, so Deutschlands bekanntester Philosoph, durch einen idealisierten, herrschaftsfreien Diskurs die Qualität von Entscheidungen zu steigern, Polarisierung zu überwinden und die Legitimität der Politik zu stärken, indem alle Bürger gleichberechtigt teilnehmen können.

  • Diskurs anstatt reiner Mehrheitsentscheidung

  • Zwang, dem besseren Argument zu folgen

  • Legitimität durch Vernunft.

Kurzum: Politische Entscheidungen können nur dann legitim sein, wenn sie das Ergebnis vernünftiger, gemeinsamer Beratung sind. Wie das funktionieren soll, dazu äußert sich Jürgen Habermas nur spärlich. Dabei wäre ein Blick über den Zaun möglicherweise hilfreich gewesen: gemeint ist die direkte Demokratie in der Schweiz.

04 Die Fanatiker „UnsererDemokratie“

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Diese Gutmenschen können sich ihre Demokratie nur so vorstellen, wie sie ihrer Wahrheit entspricht. Da es keine andere Wahrheit gibt, ist „UnsereDemokratie“ die einzig richtige, was dazu führt, dass andere Vorstellungen über das Zusammenleben in einer Demokratie zwangsläufig zur Ausgrenzung solchermaßen fehlgeleiteter Demokraten führen muss, deren Anderssein unmittelbar rechts von der Mitte beginnt, dann rechts-konservativ wird, bevor sie als rechts bezeichnet werden kann, und wenn das nicht reicht, dann handelt es sich um fehlgeleitete Rechtsextremisten, mit denen nicht einmal mehr gesprochen werden darf. Sogar der Handschlag ist solchen Personen zu verweigern.

Wer sich mit dem Faschismus auch nur oberflächlich auseinandergesetzt hat, wird wohl kaum darum herumkommen, in diesem Verhalten die Ursachen für den Faschismus finden.

Warum?

Eric Hoffer: Der Fanatiker ist geistig übermütig und daher unfähig, einen Neuanfang zu machen. Die Wurzel seines Übermuts ist die Überzeugung, dass das Leben und das Universum einer einfachen Formel entsprechen – seiner Formel [En04].

Diese Formel wird, wenn sie gelebt wird, eine Demokratie zuerstören. Dennoch: Der Ton in der politischen Auseinandersetzung nicht nur rauher, sondern auch hasserfüllter geworden. Politisch Andersdenkende wurden sogar zu Parias, zu Unberührbaren erklärt. In solch einer Zeit ist es wirklich wieder erforderlich, sich an Kurt Tucholsky zu erinnern.

Nichts ist schwerer und nichts erfordert mehr Charakter, als sich im offenen Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein!
Kurt Tucholsky

Dieser Satz, ist nicht nur ein bekanntes Zitat des deutschen Schriftstellers und Satirikers Kurt Tucholsky (1890–1935). Dieser Satz betont vielmehr die immense Herausforderung und den Mut, gegen den Strom der eigenen Epoche zu schwimmen. Es unterstreicht die Wichtigkeit von Zivilcourage und eigener Überzeugung, auch wenn diese im Konflikt mit gesellschaftlichen Normen oder Mehrheitsmeinungen stehen.

05 Die Demokratie des Grundgesetzes

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Das Grundgesetz hat dem deutschen Volk eine Demokratie zugestanden, die in der politischen Wirklichkeit nahezu vollständig abhandengekommen ist. Die Parteien, im Hinblick auf ihren Auftrag, der wirklich nur mit einem belanglosen Satz im Grundgesetz erwähnt wird, haben sich der Staatsgewalt bemächtigt, was das Grundgesetz aber mit keinem Wort erwähnt.

Art 21 Abs. 1 GG
(1) Die Parteien wirken bei der politischen Willensbildung des Volkes mit. Ihre Gründung ist frei.

Dem Grundgesetz kann zumindest nicht entnommen werden, dass es Aufgabe der Parteien wäre, nicht nur im Parlament und in der Regierung vertreten zu sein, sondern auch in der Verwaltung, in der Rechtsprechung und natürlich auch in den öffentlich-rechtlichen Medien.

Die Wirklichkeit sieht anders aus.

Kurzum: An die Stelle des Alleinherrschers sind die Führungseliten der Parteien getreten ... in der Regel deren Anführer. Eine solche Demokratie setzt, um dauerhaft sich erhalten zu können, wahre Gläubige voraus. Denen aber – so scheint es zumindest – ist bereits der Glaube an die Parteiendemokratie von heute langsam aber sicher abhandenzukommen, denn noch nie in der deutschen Nachkriegsgeschichte vertrauten so wenige der „Regierungskunst“ der von ihnen gewählten Parteien.

06 Hass hat die politische Auseinandersetzung ersetzt

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In der politischen Auseinandersetzung gibt es schon lange nicht mehr darum, im gemeinsamen Ringen nach Problemlösungen zu suchen, die wirklich mehrheitsfähig sind. Folge davon ist, dass sachlicher Kritik in der Regel nicht mit sachlichen Argumenten, sondern mit persönlicher Diskreditierung, Diffamierung und Verleumdung der Andersdenkenden begegnet wird.

Andersdenkende gelten im Übrigen auch nicht als gleichberechtigte Demokraten im Ringen um die Wahrheit, sondern bei diesen Unbelehrbaren handelt es such um Feinde, die die eigene Macht bedrohen.

Anders ausgedrückt: Die Herrschaft des Primitiven, Rüpelhaften hat zur Dekadenz der politischen Kultur in Deutschland geführt. Der repräsentativen Demokratie liegt aber das Ideal zugrunde, dass sich die Besten des Volkes im Parlament versammeln, um die anstehenden Probleme, für die das Parlament zuständig ist, gemeinsam erörtern und einer mehrheitsfähigen Lösung zuführen.

07 Diffamierung statt Wahrheitssuche und Wertschätzung

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In der politischen Auseinandersetzung von heute geht es aber schon lange nicht mehr um das gemeinsame Ringen, Lösungen für die nicht mehr zu leugnenden Probleme der Gesellschaft zu finden. Die herrschenden Parteien wollen nur eins: ihre Macht erhalten, indem sie mit aller Macht ihre Auffassungen durchzusetzen versuchen. Sachliche Kritik daran wird in der Regel nicht mit sachlichen Argumenten begegnet, sondern mit persönlicher Diskreditierung, Diffamierung und Verleumdung der Andersdenkenden. Diese gelten nicht als gleichberechtigte Demokraten im Ringen um die Wahrheit, sondern als Feinde der eigenen Macht bzw. Macht-Ambitionen, die deshalb nicht nur persönlich auszuschalten, sondern am besten ganz zu vernichten sind. Der Physiker und Friedensforscher Carl-Friedrich von Weizsäcker (1912 – 2007) brachte dies treffend auf den Punkt:

Carl-Friedrich von Weizsäcker: Wenn die Jagd dem Andersdenkenden gilt, statt dem Irrtum, ist nicht die Wahrheit das Ziel – sondern die Herrschaft über das Denken.

Das Zitat befindet sich in seinem 1991 erschienenen Buch „Der Mensch in seiner Geschichte".

08 Wohin treibt die Bundesrepublik?

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Auf diese Frage versuchte der Philosoph Karl Jaspers bereits 1965 in seinem Buch „Wohin treibt die Bundesrepublik?“ eine heute immer noch gültige Antwort zu finden. Diesem Buch wurden die folgenden Zitate entommen:

Karl Jaspers: Die Parteien, die keineswegs der Staat sein sollten, machen sich, entzogen dem Volksleben, selber zum Staat….Die Staatsführung liegt in den Händen der Parteienoligarchie….Ihre durch keine Spannung zu anderer Macht eingeschränkte Stellung verführt….Die Parteien wollen durch ihre eigenen Leute die Plätze besetzen. Das ist der Lohn für die Parteiarbeit, die Beute des Siegers nach der Wahlschlacht (kurze Zusammenfassung).

Und:

Es gibt, wie immer in parlamentarischen Demokratien, die Ämterpatronage im großem Umfang. Wie weit sie sich heute schon auf unpolitische Berufe bezieht, läßt sich statistisch nicht ermitteln. Es kommt vor, daß ein Krankenhausarzt, um Chef einer städtischen Klinik zu werden, der Partei beitritt, die in dieser Stadt regiert.

Karl Jaspers: Die Demokratie der Bundesrepublik wandelt sich vor unseren Augen. Es werden Wege beschritten, an deren Ende es weder eine Demokratie noch einen freien Bürger geben würde, vielleicht ohne dass die, die sie gehen, dieses Ende wollen. Diese Wege sind nicht unausweichlich. Aber nur ein zur Freiheit drängendes, seiner selbst darin bewusstes Volk kann die Demokratie in freier republikanischer Verfassung, die bisher nur eine Chance ist, verwirklichen.

An anderer Stelle heißt es:

Karl Jaspers: Das Volk ist [nur] dem Namen nach der Souverän. Aber es hat keinerlei Einwirkung auf die Entscheidungen, außer durch die Wahlen, in denen nichts entschieden, sondern nur die Existenz der Parteienoligarchie anerkannt wird. Die großen Schicksalsfragen gehen nicht an das Volk. Ihre Beantwortung muss das Volk über sich ergehen lassen, und es merkt oft gar nicht, dass etwas und wie es entschieden wird.

Zur Rolle der Parteien:

Karl Jaspers: Dass die Parteien die einzige politische Macht werden, wandelt Ihren Sinn. Ihre durch keine Spannung zu anderer Macht eingeschränkte Stellung verführt. Alleinbesitz der Macht ist verderblich, auch wenn die Form der Gewaltenteilung (Legislative, Exekutive, Justiz) herrscht.

An diesen Zustand des Machtbesitzes der Parteien, haben wir uns alle gewöhnt. In den Demokratien von heute ist das der so genannte Normalzustand. Das gilt auch für die Finanzierung der Parteien.

Karl Jaspers: Die Parteien, die im Bundestag sitzen, finanzieren sich durch den Staat gegen alle anderen Parteien, die davon ausgeschlossen sind, und gegen etwa neu zu gründende Parteien. Allen gegenüber sind die faktischen drei [heute sind es bereits 6] so übermächtig geworden, dass sie nicht mehr freie, jeweils auch neu zu bildende Parteien zulassen, sondern sich, als die einmal an die Macht gelangten, einzigen Parteien ansehen. [...]. Neue Parteien können nicht mehr entstehen.

Diesbezüglich, gemeint ist der letzte Satz, irrte Karl Jaspers. Sowohl die Partei „Die Grünen/Bündnis 90“ als auch die AfD entstanden, obwohl die etablierten Parteien das zu verhindern versuchten.

09 Wovon schon Meister Floh träumte

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Genauso wie es in der Erzählung vom „Meister Floh“ von E.T.A Hoffmann (1776 bis 1822) zu einer Verschmelzung von Realität und Fantasie kommt, und sich das Märchenhafte und Groteske mit der Wirklichkeit vermischt, so lässt sich auch die Geschichte der repräsentativen Demokratie des Grundgesetzes erzählen, in der das Märchenhafte, gemeint ist der Volkssouverän, auf die Realität trifft, gemeint ist der Parteienstaat.

E.T.A Hoffmann: Immer aufs neue hoffend, immer aufs neue vertrauend und immer wieder bitter getäuscht, wie kann es anders möglich sein, als daß Misstrauen, böser Argwohn, Hass, Rachsucht in der Seele sich festnisten und jede Spur des wahrhaft menschlichen Prinzips, das sich ausspricht in mildem Vertrauen, in frommer Gutmütigkeit, wegzehren muss?

Nein! dein freundliches Gesicht, deine glatten Worte sollen mich nicht täuschen, du, in dessen tiefem Innern vielleicht unverdienter Hass gegen mich verborgen; ich will dich für meinen Freund halten, ich will dir Gutes erzeigen, wie ich nur kann, ich will dir meine Seele erschließen, weil es mir wohl tut, und das bittre Gefühl des Augenblicks, wenn du mich enttäuschest, ist geringzuachten gegen die Freuden eines schönen vergangenen Traumes [En05].

In dem ich, ein Wähler und ein gläubiger Demokrat, davon träumte, dass deine Interessen auch meine Interessen sind und die Interessen der vielen mehr Bedeutung beizubemessen ist, als das bei deinen und meinen Interessen Interessen der Fall zu sein scheint, erwarte ich von dir, dass auch du den Gemeinschaftsinteressen mehr Bedeutung beizubemessen bereit bist, als den deinen, soweit die damit verbundenen Einschränkungen der „Ordnung des Lebens“ dienen, die darin besteht, im Rahmen des menschlich Möglichen Gerechtigkeit herzustellen.

10 Quellen

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Endnote_01
Kingsnorth, Paul. Dunkle Ökologie (S.31-32). Matthes & Seitz Berlin Verlag. Kindle-Version.
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Endnote_02
Ingeborg Maus: Über Volkssouveränität. Elemente einer Demokratietheorie. Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 2. Auflage 2019, Seite 25
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Endnote_03
Willemer Friedmann: Vom Scheitern der repräsentativen Demokratie: eine demokratische Tragödie. Kindle-Version
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Endnote_04
Hoffer, Eric . Der wahre Gläubige: Gedanken zur Natur von Massenbewegungen. Kindle-Version.
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Endnote_05
Hoffmann, E.T.A.. Meister Floh . Jazzybee Verlag. Kindle-Version.
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